Zu laut, zu wild, zu echt – na und?
Manchmal erhält man zufällig genau, was man in dem Moment braucht – auch wenn man erstmal nichts damit anzufangen weiß. Eine Freundin schickte mir neulich als Inspiration ein Video aus der Kunsttherapie. Die Idee: Schreibe all deine Verletzungen auf und übermale sie am Ende, sodass sie verschwinden. Klingt schön, oder? So eine Art emotionaler Zaubertrick. Doch als ich den Pinsel in die Hand nahm, wusste ich: Das funktioniert für mich nicht. Ich kann die Dinge nicht einfach “wegmachen”.
Statt die Verletzungen einfach zu übermalen, entwickelte sich für mich ein ganz eigener heilsamer Prozess. Ich habe alle bösen Worte, die mir je an den Kopf geworfen wurden, aufgeschrieben. Alles, was mich kleinmachen sollte, was mich in Frage stellte, was mich zu „zu viel“ machte. Wörter wie anstrengend, überemotional, unecht, übertrieben – eine ganze Reihe von Etiketten, die mir im Laufe meines Lebens immer wieder übergestülpt wurden. Vor allem durch meine Art, die Welt intensiver wahrzunehmen, wurden viele dieser Begriffe zu einem Gefängnis, in dem ich mich oft ungewollt einsperren ließ.
Aber statt sie künstlerisch verschwinden zu lassen, habe ich die Begriffe nur teilweise übermalt. Denn sie sind da, sind eingebrannt und lassen sich nicht einfach wegpinseln, als wäre nie etwas gewesen. Sie schimmern durch, so wie sie es in meinem Leben auch tun – manchmal leiser, manchmal lauter. An besonders lauten Tagen sehe ich ein Herz, gefangen im Stacheldraht und spüre jede einzelne Wunde, die er hinterlassen hat. Es ist nicht einfach ein Herz. Es ist mein Herz. Mit all den Narben, den Schutzmechanismen, den Abwehrhaltungen – und der ungebrochenen Fähigkeit zu fühlen und dem Mut Ich zu sein, trotz allem.
Ist das Bild schön? Wahrscheinlich nicht. Aber es zu malen und auch anzuschauen, fühlt sich so verdammt befreiend an. Vielleicht liegt genau darin die wahre Magie: nicht Dinge unsichtbar zu machen, sondern ihnen bewusst Raum zu geben – aber nach meinen Regeln. Denn ja, ich bin „viel“. Und das ist genau richtig so.